~ Sils Brautgeschenk ~



     
och vor Anbeginn der Zeit, als das Lied der Urmutter verklungen und Roha geboren worden war, sandte Ealara die Götter auf die Welt, auf dass sie ihr begonnenes Werk vollenden und die Welt mit Licht und Leben füllen würden. Zu jener Zeit der Morgendämmerung, als Faêyris, die Mondfrau, und Shenrah, der gewaltige Gebieter der Sonne, sich vereinten, entdeckte auch der Gott Sil seine Liebe zu Amitari, der schönen Herrin allen Grüns, und er begann um sie zu werben.  

 
Zunächst schienen sie ein zu ungleiches Paar zu sein und zu verschieden, um sich zu finden und zu vereinen - der stolze Gott der Schmiedekunst, Herrscher über eisige, windumtoste Berge und starre, steinerne Welten, und die Gebieterin über Wurzeln, Früchte und Pflanzen, Hüterin allen Wachsens und Werdens. Selbst ihre irdische Gestalt, mit der sie auf Roha wandelten, konnte unterschiedlicher nicht sein, war Amitari doch eine wunderschöne und hochgewachsene Smaragdelfin und Sil ein grimmiger, bärtiger Zwerg. Doch auch wenn sie ihn anfangs verschmähte, so kam Amitari nicht umhin, seine unbeirrbare Zielstrebigkeit und liebenswerte Hartnäckigkeit zu bewundern, und allmählich fand die Göttin Gefallen an Sil und seinem Werben, bis sie schließlich ebenso in Liebe entbrannte wie der Zwergengott selbst. Bevor sie ihm nachgab, wollte sie ihn und die Ernsthaftigkeit seiner Absichten allerdings auf die Probe stellen und so sann Amitari nach einer Prüfung, die sie Sil auferlegen konnte.  
 

Nach langen Tagen und Monden des Nachdenkens willigte sie schließlich ein, seine Frau zu werden und ihm in sein stilles Reich tief unter der Erde zu folgen. "Doch ich fürchte, zugrunde zu gehen in deiner ewig grauen Welt, mein Liebster", sprach sie zu Sil. "Dort gibt es kein Grün, durch das Vendis' kühler Atem streift, kein Wachsen, kein Werden, kein Licht und kein Funkeln, keine Blüten, die mein Auge erfreuen, keine Sonne und keine Sterne, kein Blatt und keine Blume und kein Samenkorn, das Wurzeln zu schlagen vermag, und so würde ich verwelken wie eine Pflanze ohne Nahrung und Licht. Bring mir von all dem ein Stück hinab zu dir tief unter die Erde und in deinen Stein, und so werde ich dir bereitwillig folgen."  
 

Sil war ratlos, denn er sah keine Möglichkeit, Amitaris Wunsch zu erfüllen und sie als seine Braut in sein Reich zu führen. Wie sollte er Blumen und Blüten tief hinab in die Berge bringen, wie Sonne und Sterne, Feuer und Licht? Lange, lange Zeit sann er darüber nach und zerbrach sich den Kopf, beratschlagte mit seinen Archonen und fragte die übrigen Götter um Rat, doch es war vergebens - es wollte ihm nicht gelingen. Keine Pflanze wollte dort unten in den Gebeinen der Erde gedeihen, kein Baum wollte Wurzeln schlagen ohne Licht und Luft und Erde, und er war nahe daran zu verzweifeln. Doch seine Sturheit war so groß und seine Liebe zu Amitari so stark, dass er schließlich doch eine Lösung fand. Anstatt zu versuchen, Amitaris grüne Schützlinge unter die Erde zu holen, besann er sich fortan auf seine eigenen Kräfte, auf sein Geschick und seine Macht, Stein zu formen und Neues zu erschaffen - das, was unter allen Göttern seine ureigenste Aufgabe war.
 

Und so machte sich Sil daran, für Amitari ein unnachahmliches Brautgemach zu erschaffen. Tief unter den Bergen ließ er Silber wachsen und rotglänzendes Kupfer, kostbares, undurchdringliches Yalaris und Eisen, so stark und unnachgiebig wie Fels. Er gab seinen Bergen ein Herz aus strahlendem Gold und füllte ihre Adern mit schimmerndem Erz. Er holte Amitari Sonne und Sterne vom Himmel und schenkte ihr Sonnensteine und schillernde Sternfeuerjuwelen, er brachte ihr das ersehnte Grün mit Smaragden, mit Kalydon und Jade, mit Kephalar und glänzendem Malachit; er schuf ihr einen Himmel aus Regenbogenkristallen und strahlend hellen Diamanten, aus Bergblau und funkelnden Himmelssplittern; er ließ Blüten wachsen aus Amethyst und feurigem Granat, Blumen aus Bergkristall und Almandin, aus zartem Rosenquarz, aus Rubinkristallen, Karfunkelsteinen und gleißenden Topasen; aus Meeresherz und Seeopal, Saphiren und blauleuchtendem Lapis legte er ihr schließlich einen schimmernden Ozean zu Füßen und bat sie in sein Reich. Als Amitari sah, was Sil mit seiner Liebe aus dem toten Fels erschaffen hatte, eine funkelnde, strahlende Welt von einzigartiger Schönheit, reichte sie ihm die Hand und folgte ihm lächelnd. Seit jener Zeit sind kalter Stein und lebendige Wurzeln, rauer Fels und die Schönheit der Pflanzen untrennbar verbunden.

 

 

 

 

 

 

 

 

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