~ Die Geschichte der Kartographie ~


Die Herstellung und Verwendung verschiedenartiger Karten hat in den Immerlanden bereits eine lange Tradition. Die ältesten Landkarten, die auf dem Kontinent existieren, entsprangen dabei den kunstfertigen Federn der Elbenvölker und stammen aus längst vergessenen Zeitaltern, als Kultur, Künste und Wissenschaften der Schönen auf den damals noch blühenden Himmelsinseln ihre Glanzzeiten erlebten. Nur wenige dieser Karten haben den Untergang Tian'Sidhas überlebt und wurden von den Elben auf deren gewaltigen Schiffe gerettet, mit denen sie von den im Ozean versinkenden Inseln aus ins Nirgendwo aufbrachen. Heute existieren vermutlich nur noch einige wenige dieser uralten, überaus prächtigen Karten, denn kaum eines der geretteten Exemplare vermochte die schier unvorstellbare Zeitspanne von mehreren Tausend Jahren zu überdauern, ohne zu Staub zu zerfallen.  
 
Lange Zeit waren die Elbenvölker der Himmelsinseln die einzigen, die Landmarken, Städte, Straßen und Wege mit Tinte und Feder auf Pergament festhielten. Von den sieben Gründerrassen des immerländischen Kontinents dagegen war zunächst nur wenigen diese Fertigkeiten bekannt, manche von ihnen verwenden gar bis heute noch keine Karten. So käme sicherlich keine Fee auf die Idee, ihr Wald-und-Wiesen-Geflatter nach einer Landkarte auszurichten, und jeder Zwerg, der etwas auf sich hält, würde es als schlimmste Majestätsbeleidigung ansehen, würde ihm jemand vorschlagen, er solle sich in Stein und Fels nicht nach seiner Nase und seinen Instinkten, sondern nach einem bekritzeltem Papierlappen richten. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass bei einigen immerländischen Völkern die Kunst der Kartografie noch immer weitgehend unbekannt ist.  
 
Den noch jungen Stämmen der Menschenkinder und auch einigen anderen Völkern, denen naturgemäß weder der Orientierungssinn der Zwerge noch die rätselhaften Navigationsfähigkeiten der Feen zu eigen ist, bleibt hingegen oft nichts anderes übrig, als sich aller möglichen Karten zu bedienen, um sich in ihrer Umwelt zurechtzufinden. Dabei dürften die ersten dieser Exemplare wohl kaum mehr als ein paar ungelenke Kohlestriche auf schlecht gegerbter Tierhaut gewesen sein, doch auch sie erfüllten sicherlich ihren Zweck. Mit dem Aufblühen der immerländischen Kulturen nach den großen Völkerwanderungen im dritten Zeitalter und vor allem mit dem Aufschwung von Handel und Reisen auf dem Kontinent wurden nach und nach immer genauere Karten notwendig. Lange Handelskarawanen zogen bald durch alle Reiche, Kaufleute und Pilger reisten zu Fuß, zu Pferd, per Eselskarren, Kutsche oder Segelschiff quer durch aller Herren Länder, und sie alle wollten ihre Routen kennen, wollten wissen, wo unterwegs Brunnen, Tränken und Rasthäuser zu finden waren, wo sie ein Bett für die Nacht und einen Stall für ihre Reittiere bekommen und wo sie ihre Waren verkaufen konnten, wie weit es bis zur nächsten Ortschaft war, auf welchen Straßen sie Wegzoll entrichten mussten und vielerlei Dinge mehr, die das Reisen in den Immerlanden sicherer und bequemer machten.


Die Cartaroha Josselin van Goverts

Auf Grund dessen wurde aus den anfänglich benutzten meist sehr groben Wegeskizzen schnell detaillierte Landkarten und die Kartographie zu einem angesehenen Handwerk, wenn nicht gar zu einer Kunst. Um halbwegs genaue Pläne anfertigen zu können, sollte ein Kartograph aber nicht nur mit Feder und Tinte umgehen können, sondern natürlich auch die Örtlichkeiten kennen, die er aufs Papier zu bringen gedenkt. Manch Gelehrter begibt sich selbst auf die Reise und misst, rechnet und zeichnet direkt vor Ort, andere dagegen verlassen sich auf die Informationen, die sie von Reisenden erhalten, oder schicken selbst den ein oder anderen Abenteurer oder gar eine Expedition auf die Wanderschaft, um das benötigte Wissen zu sammeln. Unbekannte Landstriche bergen jedoch unbekannte Gefahren und so mussten einige der großen Expeditionen, die einst aufbrachen, ferne Lande zu erkunden und zu kartographieren, unverrichteter Dinge wieder umkehren, da sich das Ziel ihrer Reise als zu gefährlich herausgestellt hatte, andere kehrten überhaupt nie wieder zurück.  
 
Eine kleine Armada aus drei Segelschiffen der Zilvermeeren Hansa, die im ersten Jahrhundert des fünften Zeitalters von Fa'Sheel aus nach Westen in See stachen, um im Namen der Handelsgilde neue Ländereien zu finden und zu vermessen, tauchte nie wieder auf. Auch von einer größeren Gruppe erfahrener Abenteurer, die im Auftrag einiger nordischer Fürsten das unwirtliche Gronaland zu erkunden versuchten, kehrten nur zwei zurück, mehr tot als lebendig und mit erfrorenen Zehen und Fingern, unfähig, eine Schreibfeder zu halten, geschweige denn eine Karte zu zeichnen. So sind viele Gebiete der Immerlande bis heute noch nicht gänzlich erkundet und auf Pergament festgehalten worden. Die existierenden Karten des Kontinents mussten vor gut fünfhundert Jahresläufen ohnehin völlig umgeschrieben werden, nachdem zum Ende des vierten Zeitalters der Süden und Südosten des Kontinents durch die schändlichen Taten Sethenes' des Nekromanten völlig verwüstet und zerstört wurden.

 

 

 

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